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Projektträger
Universität für Bodenkultur
Department für Raum, Landschaft und Infrastruktur, Institut für
Landschaftsarchitektur; PlanSinn GmbH
Projektleitung/Bearbeiter
Philipp Rode
Bettina Wanschura
Christian Kubesch
Laufzeit
Februar bis Dezember 2008
Kontakt
philipp.rode boku.ac.at
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Abstract
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Kunst macht Stadt?!
Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit Kunst- und Kulturprojekten
in Wien, die sich in ihren Aktivitäten auf den umgebenden Stadtraum
beziehen. Mit dem Begriff der "new public genre art" werden
diese Projekte als Stadtteilprojekte verstanden, die in ihrer Umgebung
Aufwertungsimpulse generieren und vorhandene Ressourcen nutzen bzw. Potenziale
aktivieren. Die Interaktion von Kunst- und Kulturprojekten mit dem umgebenden
Stadtraum steht im Kontext von städtischen Aufwertungs-diskursen
über Stadträume, die von einer Phase der Desinvestition gekennzeichnet
sind. Die "kreative Klasse" (vgl. Florida 2005) spielt sowohl
für soziostrukturelle Verdrängungsprozesse im Rahmen von Gentrificationprozessen,
als auch für den sozioökonomischen und stadträumlichen
Umbau zur kreativen Stadt eine Hauptrolle.
Die Stadt Wien hat die spezifische Stellung von Kunst- und Kulturprojekten
in Prozessen der Stadtentwicklung und -erneuerung erkannt und misst ihr
einen wesentlichen Stellenwert für die Realisierung nachhaltiger
Aufwertungsbe-strebungen bei. Die Interaktion zwischen Kunst und Kultur
auf der einen Seite und dem städtischen Raum auf der anderen Seite
wurde auf Projektebene bzw. auf Stadtteilebene bisher nicht systematisch
zusammen gefasst und zueinander in Beziehung gesetzt, sodass bisherige
Erfahrungswerte unerschlossen geblieben sind.
Forschungsfragen
Die Studie "Kunst macht Stadt?!" nähert sich der wechselseitigen
Interaktion von Stadt und Kunst von zwei Seiten:
1. Welche Auswirkungen haben Kunst- und Kulturprojekte auf die Stadtstruktur?
- Am Beispiel des Brunnenviertels werden die Auswirkungen des Kunstfestivals
SOHO IN OTTAKRING dargestellt, wobei die Komplexität von Aufwertungsprozessen
- und die Interaktion und Gleichzeitigkeit verschiedener Faktoren und
Bestrebungen ein Ursache-Wirkung-Denken hinfällig macht.
2. Welche Rahmenfaktoren bedingen den Einfluss von Kunst / Kultur auf
die Stadtentwicklung? - Anhand der Kunstprojekte SOHO IN OTTAKRING, Aktionsradius
Augarten, cultural sidewalk und WOLKE 7 werden die Rahmenbedingungen untersucht,
unter denen sich diese Projekte entwickeln konnten, gehemmt oder gefördert
wurden.
Aus der Beantwortung dieser Forschungsfragen soll Wissen und Verständnis
für zukünftige Prozesse in anderen Stadtgebieten Wiens generiert
werden. Die vorliegende Studie bietet allerdings keine Handlungsanleitung
für die "Installation" von Kunst- und Kulturprojekten als
Lösung für aus Sicht der Stadtplanung problematische Stadtgebiete,
sowie deren Nutzbarmachung für Zwecke der Stadtplanung.
Methodik
Die Forschungsfragen erfordern die Erschließung und Bearbeitung
qualitativer und quantitativer Daten, wobei aufgrund des anwendungsorientierten,
transdisziplinären Erkenntnisinteresses der Auftraggeberin ein Schwerpunkt
auf dialogische Elemente gelegt wurde. Einen zentralen Stellenwert nimmt
dabei die Generierung von personenbezogenem Wissen ein. Gemeinsam mit
einer Resonanzgruppe wurden vier Fallstudien (SOHO IN OTTAKRING, Aktionsradius
Augarten, cultural sidewalk und WOLKE 7) ausgewählt, anhand derer
die Forschungsfragen beantwortet werden.
Zur Darstellung möglicher Wirkungsgefüge zwischen SOHO IN OTTAKRING
und dem Brunnenviertel wurden die Nutzung der Erdgeschoßzonen sowie
die bauliche Substanz kartiert. Die Darstellung der Daten erfolgt in Form
von Gebietskarten, die als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen
zur baulich-räumlichen Entwicklungs-dynamik dienten. Die Datengrundlage
für die Analyse soziodemo-grafischer Daten bildeten primär quantitativ-statistische
Daten, die von der MA 18 zur Verfügung gestellt wurden. Eine zentrale
Datengrundlage bildeten die Interviews mit den ExpertInnen: insgesamt
14 ExpertInnen wurden im Brunnenviertel an ihrem Arbeitsort interviewt,
zusätzlich wurden sieben ProjektbetreiberInnen bzw. -initiatorInnen
von Kunst- und Kulturprojekten interviewt. Mittels Netzwerkanalysen wird
die Struktur und die soziale Interaktion der Kunstprojekte untersucht
und mit einer Interaktionsmatrix dargestellt. Medienberichte bildeten
die Grundlage für eine Medienberichtsanalyse, die den Imagewandel
des Brunnenviertels in den letzten zehn Jahren darstellt.
Kunst macht Stadt - Wechselwirkungen
In insgesamt sechs Dimensionen werden die Wechselwirkungen zwischen dem
Brunnenviertel und SOHO IN OTTAKRING dargestellt. Das Brunnenviertel ist
seit den späten 1990er Jahren von einem umfassenden Aufwertungsprozess
gekenn-zeichnet, der durch ein intensives und komplexes Zusammenwirken
unterschiedlicher Verwaltungs- und Politikebenen, Institutionen, Interessensvertretungen
und AkteurInnen charakterisiert ist. Die erkennbaren Veränderungen
aus diesem kontinuierlichen Prozess bestehen in einer Erneuerung der baulichen
Struktur (das Brunnenviertel weist eine der höchsten Sanierungsquoten
Wiens auf), der Investition der öffentlichen Hand in die Neugestaltung
des öffentlichen Raums, einer kleinteiligen Umstrukturierung der
lokalen Ökonomie in Richtung Creative Industries, sowie ein Imagewandel
vom städtebaulichen Problemgebiet zum nachgefragten KünstlerInnenviertel.
Eine signifikante Änderung der bevölkerungsstrukturellen Zusammensetzung
im Sinne des Gentrifizierungsparadigmas kann mittels quantitativer Daten
nicht erkannt werden. Die qualitativen Daten zeichnen eine doppelte Dynamik
in der Veränderung der Wohnbevölkerung: den Zuzug gut gebildeter,
junger und kaufkräftiger Schichten und einen weiteren Zuzug migrantischer
Bevölkerungsgruppen. Deren räumliche Verteilung und schwache
soziale Interaktion zeigt Charakteristika von Inselurbanismus. Zur weiteren
Bearbeitung dieser Entwicklung wäre eine Untersuchung auf der Ebene
von Parzellen und darunter durch zu führen, was im Rahmen dieser
Arbeit nicht möglich war.
Für den Einfluss von SOHO IN OTTAKRING auf die beschriebenen Entwicklungen
gibt es keine eindimensionale Wirkungsrichtung. Stattdessen ist von einem
vielfältigen Wirkungsgefüge zwischen Kunst und Stadt auszugehen,
das durch die spezifische Arbeitsweise von SOHO IN OTTAKRING - mit dem
vorgefundenen Stadtraum zu arbeiten - verstärkt wird. SOHO IN OTTAKRING
wurde durch seine Integration in die Aufwertungsbestrebungen seit 1999
sukzessive als Label entwickelt, das dem Viertel eine thematische Fokussierung
verleihen konnte. Allerdings versuchte das Projekt stets, innerhalb dieses
Diskurses beweglich zu bleiben und kritische Diskurse anzuregen, die die
Art und Weise der Aufwertungsprozesse und deren öffentliche Wahrnehmung
beeinflussten. Die jährliche Durchführung des Kunstfestivals
und seine Konzeption als lokale Plattform haben SOHO IN OTTAKRING zu einem
selbstverstärkenden Netzwerkknoten werden lassen, der die Sphären
der Kunst, Wirtschaft, der Politik und der lokalen Bevölkerung integriert.
Die Temporalität des Projektes auf zwei Wochen im Jahr ermöglicht
eine Bündelung von Kräften und produziert einen "Ausnahmezustand",
wodurch das Brunnenviertel zu einem Möglichkeitsraum wird. Verbunden
damit ist auch eine hohe mediale Aufmerksamkeit, die sich in einer starken
Konnotation des Imagewandels mit SOHO IN OTTAKRING manifestiert. Das Projekt
leistet mit einem dezentralen Raumkonzept und der künstlerischen
Bearbeitung des öffentlichen Raums eine wesentliche Vorleistung zur
Attraktivierung des öffentlichen Raumes. Seine intensive Nutzung
während des Kunstfestivals führt nicht nur zu einer verstärkten
Wahrnehmung, sondern auch zu einer Vermittlung darüber, was öffentlicher
Raum sein könnte. Für die Positionierung des Brunnenviertels
als Kreativstandort ist der Aufhänger SOHO als ebenso wichtig einzuschätzen
wie die bereits etablierte Kunst- und Kulturszene. Die Effekte davon bestehen
in der Etablierung von aufwertungsrelevanten Leitbetrieben. Für den
baulichen Erneuerungsprozess wurde SOHO als Imageträger verwendet,
dessen Vermarktung gemeinsam mit dem Brunnenmarkt eine attraktive Investitions-atmosphäre
schaffen konnte. Wesentliche Vorleistungen dafür wurden durch die
kontinuierliche Abfolge unterschiedlicher Erneuerungs- und Aufwertungsprogramme
seitens der öffentlichen Hand geleistet.
Kunst in der Stadt - Drei Blitzlichter
Zur Vertiefung der Wissensbasis um die Entstehung und Entwicklung von
Kunst- und Kulturprojekten im dichtbebauten Stadtraum von Wien werden
drei ausgewählte Kunstprojekte dargestellt:
Der Aktionsradius Augarten wurde im Jahr 1989 gegründet und ging
aus Initiativen von AnrainerInnen des Augartens hervor. Die Initiativen
wurden von der Gebietsbetreuung aufgenommen und unterstützt, später
wurde der Aktionsradius Augarten gegründet. Der Wunsch nach einer
positiven Veränderung im Viertel wurde durch eine Vielzahl von Aktivitäten
transportiert, wobei ein Schwerpunkt im öffentlichen Raum und in
der Etablierung des Stadtteilzentrums in einem Erdgeschoßlokal am
Gaußplatz zu erkennen ist. Charakteristisch für die einzelnen
Projekte und Aktionen ist ein grundlegend gesellschaftspolitischer Anspruch,
der einen kritischen Blick auf das Augartenviertel wirft. Die Finanzierung
erfolgte über verschiedene Ebenen und Einrichtungen der öffentlichen
Hand. Die Aktivitäten des Aktionsradius haben dem Stadtteil Aufmerksamkeit
und dem Augarten ein Image des modernen Kulturparks verschafft.
Cultural sidewalk - eine Aktion mit zeitgenössischer Kunst - wurde
einmalig im Herbst 2000 in der unteren Gumpendorferstraße umgesetzt.
Die beiden Initiatorinnen wollten einen kritischen Diskurs über die
Situation der Gumpendorferstraße anregen und konzipierten ein Projekt
zur Belebung des Straßen- und Stadtraums. Die Finanzierung des Projekts
wurde nach mühsamen Überzeugungsgesprächen mit der Zusage
eines ansässigen Wirtschaftsbetriebes sicher gestellt. In weiterer
Folge konkretisierten weitere FördergeberInnen (Bezirk, Stadt, WK
Wien) und private SponsorInnen ihre Unterstützung. Das Projekt war
als Sternschnuppe' konzeptioniert, in dem 35 Veranstaltungen mit
etwa 80 KünstlerInnen an zwölf Veranstaltungsorten im öffentlichen
Straßenraum, in Geschäftslokalen und an privaten Orten durchgeführt
wurden.
Das Projekt WOLKE 7 wurde 2002 auf Bezirksebene initiiert und mit der
Finanzierungszusage durch die EU als INTERREG-Projekt mit einer Laufzeit
von 2004 bis 2006 realisiert. Seit 2007 wird das Projekt weiter vom Bezirk
unterstützt. WOLKE 7 ist als Stadtteilprojekt zu bezeichnen, das
auf unterschiedlichen Ebenen versucht, das Viertel um die Kaiserstraße
aufzuwerten. Kunst und Kultur wird dabei als Beteiligungsstrategie verstanden,
die Netzwerkbildung, Image- und Diskursbildung unterstützt und ermöglicht.
Das interdisziplinäre Bearbeitungsteam wurde von der Stadt Wien beauftragt.
Einzelne Personen des Teams wurden aus Eigeninitiative bereits in der
Frühphase des Projekts aktiv und hatten die Möglichkeit, den
Arbeitsauftrag selbst zu definieren.
Schlussfolgerungen - Stadt macht Kunst
Bei allen untersuchten Projekten war ein starker Bezug zum konkreten Ort
erkennbar. Die spezifischen Eigenschaften dieser Orte waren die Basis
für deren Entwicklung und ermöglichten die Interaktion mit den
Kunstprojekten. Das Vorhandensein unter- oder ungenutzter Räumlichkeiten
stellt einen ersten Ankerpunkt dar, der einerseits Spielräume erwarten
lässt, dessen mangelnde Verfügbarkeit aber schließlich
limitierend für die Projektentwicklung ist. Eine hohe soziale Dichte
und eine räumliche Konzentration einzelner bevölkerungstruktureller
Merkmale stellen Ansatzpunkte für die künstlerische Bearbeitung
dar, der das "Wie" der Einbeziehung thematisiert. Dabei spricht
die Kombination unterschiedlicher Kunstformen- und formate unterschiedliche
Bevölkerungsgruppen an. Die Struktur des öffentlichen Raums
bildet eine wesentliche Ressource, da wesentliche Arbeits- aber auch Aushandlungsprozesse
im Rahmen der untersuchten Projekte im öffentlichen Raum stattfinden.
Weiters stellt das Zulassen von Aktivitäten und Impulsen, ohne deren
genaue Wirkung im Vorfeld abschätzen zu können, eine wesentliche
Vorbedingung für die Etablierung der Projekte dar. Es geht vorerst
darum, eine Initiative nicht zu behindern.
Auf Projektebene stellt die lokale Verwaltungsebene die zentrale Anlaufstelle
dar, deren Kunstverständigkeit daher von großer Bedeutung ist.
Eine geschäfts-gruppenübergreifende Koordination der Querschnittsmaterie
Kunst wird zum Erfolgsfaktor, wenn verschiedene Politik- und Verwaltungsebenen
"hinter einem Projekt" stehen. Insbesondere am Projektbeginn
sind mangelnde Finanzierungs-zusagen, unsichere und prekäre Arbeitsverhältnisse
ein zentraler Hemmfaktor für die weitere Entwicklung der Projekte.
Weiters bildet die Vereinnahmung durch externe Interessen bzw. Eigeninteressen
der fördernden Stellen ein Hemmnis. Klare definierte Konzepte mit
einer Offenheit bezüglich der Projektergebnisse einerseits und einer
offenen Auftragsstruktur andererseits haben sich dagegen als fördernd
erwiesen.
Das soziale Netzwerk bildet einen wesentlichen Erfolgsfaktor. Insbesondere
die Einbeziehung der lokalen Wirtschaft und der lokalen AkteurInnen sind
von Bedeutung. Der zentrale Faktor für das Gelingen oder Scheitern
eines Projektes wird den ProjektinitiatorInnen zugewiesen: das Qualifikationsprofil
besteht in außergewöhnlicher Kommunikations- und Netzwerkfähigkeit,
Frustrationstoleranz, Ausdauer und Selbstbewusstsein. Laut ProjektwerberInnen
sind die Unterstützung bei Marketing, Medienarbeit, Sponsoring und
vor allem die Verbindung zu lokalen Playern wie einer Gebietsbetreuung
sehr vorteilhaft.
Die Studie ist im Herbst 2009 als Buch erschienen und kann beim VS
Verlag bestellt werden.

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